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Jakobusweg 2003

An den Atlantik mit dem Rad

Von einer Gemeindereise der besonderen Art

Genau am 25. Juli - am Tag des Apostels Jakobus des Älteren - begann in früher Morgenstunde die Zugfahrt, die fünf Männer und zwei Frauen auf Initiative der Christusgemeinde Radolfzell in eintägiger Fahrt nach Périgueux in den Südwesten Frankreichs brachte. Dort begann bei meist herausfordernder ständiger Hitze mit zum Teil dreizehn Kilogramm Reisegepäck auf dem Rad der siebentägige Pilgerweg über Orte wie Bergerac, Bazas, Mont St. Morsan, Roquefort, Orthez bis nach St. Palais vor den aufsteigenden Bergen der Pyrenäen - auf dem Weg nach Santiago de Compostela, der im kommenden Jahr vom diesjährigen Zielort aus fortgesetzt werden soll.

Die Gruppe, die sich nur kurz bei vorbereitenden Gesprächen und wenigen Übungstouren kennen gelernt hatte, wuchs gut zusammen. Als einmal keine Unterkunft gefunden wurde, half eine zufällige Begegnung zu einer Übernachtung in einem Schloß, das aber nachts wegen gefährlicher Hunde nicht mehr verlassen werden konnte; eben so wurden nach der Ankunft im Kloster am Zielort - allerdings nach Absprache - die Türen geschlossen und alle kamen gemeinsam im Schlafsaal endlich einmal frühzeitig zur Ruhe. Unterwegs konnte es passieren, daß ein Bauer zur Einkehr in seinen Hof einlud und der in uralten Fässern eingelagerte Landwein probiert werden mußte - was die Kommunikation mit dem ausschließlich in seinem Béarner Dialekt sprechenden Mann aber nicht sonderlich erleichterte, wie auch nicht die folgende Abfahrt über steile, nach unten führende Schotterwege. Pfarrer Volker Kubach warf es aber nicht bei solcher Gelegenheit vom Rad, sondern als er über einen Lehmweg fuhr, der ihn und sein Rad mit einem neuen Outfit versah.

Morgendliche kurze Lesungen in den uralten Kirchen (meist 12. Jahrhundert), die am Jakobusweg liegen, stimmten auf die Tagesetappe ein, aber noch viele weitere, meist romanische Kirchen direkt am Weg und oft dem Jakobus geweiht, luden zur meditativen Entdeckung der Kirchenräume und ihrer Bilder- und Skulpturenwelt ein. Scheinbar endlose Fahrten durch ebene Kiefernwälder getränkt mit vom Asphalt aufsteigender Hitze, südlichem Duft und wechselndem Zikadenklang forderten besonders viel an eigener Leistung. Während abends bei meist heiteren Gesprächen in einer Gaststätte bei französischem oder bereits spanischem Speiseangebot viel über den Tag, das Befinden und aktuelle Themen gesprochen wurde, war das stundenlange meist schweigend verbrachte Radfahren auch stets eine Übung der Selbstwahrnehmung und eine Hinführung zum inneren Gespräch.

In St. Severin begegnete die Gruppe einem Pilger, der den Weg mit seinem Esel ging; dieser Esel, vom Besitzer in der Nähe der Räder "geparkt", knabberte dem "Drahtesel" eines Gruppenmitgliedes den Radständer weg. Heiteres Lachen rief die Gruppe immer wieder hervor, wenn alle in einem Restaurant, völlig am Verdursten, miteinander "Diabolo menthe" bestellten, und zwar gleich zweimal hintereinander, jenen eisgekühlten Pfefferminzsirup, der den Durst am meisten stillte, oder wenn, am Tag der Rückfahrt, um 23.15 Uhr alle in gleichem Abstand hintereinander zum Bahnhof radelten; viele Bewohner von Dax, die von diesem nächtlichen Aufmarsch Zeuge wurden, riefen den Nachtfahrern Worte des Erstaunens und fröhlicher Teilnahme zu. Als am letzten Tag ein erradelter Abstecher an den Atlantik mit Baden bei hohem Wellengang möglich war, meinte ein Reiseteilnehmer mit großer Begeisterung: "Mit dem Auto bin ich ja schon ein paar Mal an den Atlantik gefahren, aber mit dem Fahrrad, nein, das war bis jetzt noch nie der Fall...."

Am Zielort St. Palais flogen in der dunklen und stillen Klosterkirche Fledermäuse über einen hinweg, was anfangs erschreckte, schließlich die nächtliche Andacht keineswegs störte, und das nächtliche Wandeln in langsamem meditativen Gang um den Klosterinnengarten machte diesen ruhigen franziskanischen Einkehrort zu einem inneren Erlebnis, ebenso wie der von dort aus erwanderte "Stein von Gibraltar", der fast allen Jakobswegwanderern als ein bedeutsamer spiritueller Ort und Knotenpunkt gilt. Von diesem Ort aus - mit wunderbarem weiten Blick auf die in abendlichem Sonnenlicht daliegenden Pyrenäenberge - gab es eine Ahnung von der Art des im kommenden Jahr hoffentlich fortzusetzenden Pilgerweges. Es sind jetzt nur noch - wie die Aufschrift auf einem Stein dort anzeigte - 850 Kilometer bis nach Santiago. Da kann es also nur noch heißen: E ultreia - los geht's!

Volker Kubach


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