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Geschichte der Christuskirche

Geschichte der Kirche in Radolfzell

Der alemannische Adelige Radolf (bzw. Ratoldus), Bischof von Verona, gründet im Jahr 826 in der Nähe einer bereits bestehenden reichenauischen Siedlung eine Kirche und eine Wohnung für Kleriker. Aus dieser Zelle, etwa dort, wo sich heute das Münster ULF befindet, entwickelt sich die Stadt Radolfzell. Radolfzell wird sehr früh zum Wallfahrtsort, als 830 Radolf die von ihm geschaffene Kirche mit Reliquien der in Kleinasien beheimateten Märtyrer Theopontus und Senesius ausstattet. Später kommen noch Gebeine des heiligen Zeno dazu. Theopontus, Senesius und Zeno werden als die drei Hausherren Radolfzells bekannt und verehrt. Nach dem Verzicht auf das Bistum Verona 840 verbringt Radolf seinen Lebensabend in der nach ihm benannten "cella ratoldi". Im Jahr 847 stirbt Radolf; sein Sarkophag befindet sich im Münster ULF.

Ratoldus
Sarkophag des Ratoldus
Stationenweg zur Wolfgangskapelle
Ratoldus
Sarkophag des Ratoldus
Stationenweg zur Wolfgangskapelle


Wohl unter dem Reichenauer Abt Ekkehard II aus dem Haus derer von Nellenburg (11. Jahrhundert), dem Gründer des Marktes Allensbach, entsteht das Radolfzeller Chorherrenstift. Im Jahr 1267 verleiht der Reichenauer Abt Albrecht von Ramstein dem mit Mauern und Türmen befestigten Marktflecken das Stadtrecht.

In der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts befindet sich auf dem Kellhofacker vor der östlichen Stadtmauer einer der heiligen Ursula und ihren 11 000 Gefährtinnen gewidmete "Kapelle auf dem Acker." Dort entstand eine Klause für Beginen. Im Jahr 1505 errichteten der Priester Konrad Nägelli und Mitglieder der Bruderschaft des hl. Jakobus zu Compostela dort einen Jakobusaltar (bei der heutigen Jakobstraße). Weitere kirchliche Bruderschaften in der Stadt waren die Schuhmacher- und Gerberbruderschaft (noch vor 1476), die Rebleutebruderschaft (vor 1535), die Cäcilienbruderschaft (wohl vor 1535) und die Erzbruderschaft zum hl. Rosenkranz (1629 eingeführt).

Unmittelbar vor dem Obertor der Stadt wurde ab 1625 ein kleines Kloster für die Kapuziner erbaut.

Auf der Mettnau befand sich die St. Wolfgangskapelle, in der noch im 19. Jahrhundert freitags und am 3. Mai um Erhalt guten Wetters Gottesdienst gehalten wurde. Anstelle dieser Kapelle, die wegen Baufälligkeit 1784 abgebrochen wurde, an die heute noch verschiedene Kreuzwegstationen erinnern, soll ursprünglich "des Mannes Haus" gestanden haben, ein Haus, in welchem zu Beginn des 10. Jahrhunderts St. Wolfgang, der Bischof von Regensburg geboren worden sei.


Zur Geschichte der Christusgemeinde in Radolfzell

Im Jahr 1518 werden in Basel Schriften Martin Luthers gedruckt. Diese werden auch in Radolfzell gelesen. Kaplan Hass in Radolfzell, damals Mitglied des Chorherrenstiftes, schließt sich der Lehre Luthers an. Markus von Knöringen, der letzte Abt des Inselklosters Reichenau unterbindet die Verkündigung der reformatorischen Lehre und läßt Hans Hass ins Gefängnis werfen. Radolfzell, das zu Vorderösterreich gehört, bleibt - entsprechend der Konfession des Habsburgischen Herrscherhauses - rein katholisch. Die Stadt selbst wird zum Refugium vieler, die aus Orten, wo die Reformation Fuß fassen konnte, hierher kommen, vor allem aus Konstanz.

Erst 250 Jahre später schafft das Toleranzedikt Kaiser Josephs II. im Jahre 1781 die Voraussetzung für die private Ausübung der evangelischen Religion und den Zusammenschluß zu Gemeinden. 1806 wurde dasselbe Recht für alle Konfessionen auch in Radolfzell durch den württembergischen Landesherren König Friedrich I möglich. Von 1809 bis 1833 war die Familie Klett die einzige evangelische Familie am Ort. 1810 wurde Radolfzell badisch. 1821 wurde im Großherzogtum Baden aus den beiden evangelischen Kirchen der Lutheraner und der Reformierten eine unierte evangelische Landeskirche - die Urkunde war damals vom Großherzog in seinem Kurort Bad Rippoldsau unterzeichnet worden. Damit wären die ortsansässigen Evangelischen auch der unierten Kirche zugehörig gewesen, aber sie wurden weiterhin vom württembergischen Pfarrer vom Hohentwiel geistlich versorgt. Es wundert uns nicht, wenn von diesem Geistlichen, der das ganze "Pastorationsgebiet" zwischen Engen und Radolfzell zu betreuen hatte, öfters Klagen wegen der zu häufigen Kutschfahrten - und deren zu schlechten Vergütung - zu vernehmen waren.

1853 waren 15 Evangelische in der Stadt. Ein erster evangelischer Gottesdienst wurde am 2. Weihnachtsfeiertag im Jahr 1863 in Radolfzell gefeiert - wozu die Stadt den Rathaussaal zur Verfügung stellte. Seit damals wurde einmal im Monat Gottesdienst gefeiert und die Kinder erhielten einmal wöchentlich Religionsunterricht. 1883 wurde Radolfzell von der geistlichen Versorgung von Singen abgekoppelt und Stockach zugeordnet; der dortige Geistliche Pfarrer Kaiser konnte mehr Zeit für die Radolfzeller erübrigen - und in Radolfzell konnte man sich ab da eines zweimaligen Gottesdienstes im Monat und auch an Gottesdiensten an den Hauptfeiertagen erfreuen.

Äußere Verhältnisse bedingten am Ende des 19.ten Jahrhunderts ein schnelles und starkes Anwachsen der Gemeindegliederzahlen - die Firmen Schiesser und Allweiler (beide Firmen hatten auch mit protestantischen Familien zu tun) zogen viele Arbeitnehmer in die Stadt, vorwiegend aus der reformierten Schweiz und aus dem lutherischen Württemberg. 1871 gab es 37 evangelische Seelen in der Stadt; 1882 schon 98 und 1891 bereits 230 - im gleichen Zeitraum hat sich auch die Bewohnerschaft der Stadt verdoppelt. Die Gemeinde erwuchs somit hauptsächlich aus dem Arbeiterstand. Viele Evangelische kamen auch wegen der Arbeit bei der Bahn in die Stadt.

Der Wunsch nach einer eigenen Kirche und einem eigenen Geistlichen entstand wie von selbst. Wie andernorts war es das Wirken einzelner, aber auch die tatkräftige Unterstützung durch das Gustav-Adolf-Werk, welche den Kirchenbau möglich gemacht haben. Am 23. Februar 1898 erfolgte der Beschluß zum Kirchenbau, am Sonntag, den 27. ten August 1899, konnte die "Diaspora-Genossenschaft" Radolfzell das eigene Gotteshaus einweihen. Ortsgeistlicher ist Friedrich Stober, der erste evangelische Pfarrer, der in Radolfzell seinen Wohnort nimmt. Fünf Jahre nach dem Kirchenbau, am 12. Oktober 1904, wird die Gemeinde aufgrund eines großherzoglichen Erlasses vom 8.2.1904 zur selbständigen Kirchengemeinde.

Christuskirche  um 1900

Das Foto zeigt eine Aufnahme unserer 1899 erbauten Kirche
 
Taufstein


Der Taufstein aus der alten Kirche
 

Die Gemeinde hat im 20. Jahrhundert zwei Weltkriege, Inflationszeit und Flüchtlingsbewegungen zu bewältigen gehabt. Dabei war nach dem ersten Weltkrieg die Revolution und die Abschaffung des Großherzogtums von großen Folgen für die Struktur der evangelischen Kirche mit der Trennung von "Thron und Altar". Nach dem zweiten Weltkrieg kamen sehr viele Evangelische als Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Gebieten des Ostens nach Radolfzell, deren ganz unterschiedliche evangelische Prägung sicher eine Herausforderung für den "Schmelztiegel" Gemeinde bedeutet haben mag, vielleicht aber auch prägend war für die vorhandene Liberalität. Das Evangelische Hilfswerk hat durch Eigenheimbauten vielen der Flüchtlinge eine Wohnung in der Stadt möglich gemacht.

Der Zuwachs an Evangelischen machte sich in den kommenden Jahren bemerkbar durch den ab 1955 unternommenen Schritt zur Gründung einer eigenen evangelischen Kirche in Radolfzell-Böhringen und durch die Pläne zur Erweiterung der Evangelischen Kirche in Radolfzell. Schnell zeigte sich, daß die alte Kirche nicht mehr ausbaufähig war, so daß sie im Jahr 1963 abgerissen werden mußte. Am 1. Advent 1965 legte Dekan Friedrich Mono den Grundstein der neuen Kirche und am 27.ten Februar 1967 konnte die Christuskirche von Oberkirchenrat Dr. Katz eingeweiht werden. 1975 wurde die Radolfzeller Kirchengemeinde in eine Christusgemeinde Ost und eine Christusgemeinde West verwaltungsgemäß aufgeteilt und zwei Pfarrer - Pfarrer Ulrich Donner und Gerhard Stöcklin - konnten sich die Arbeit in der Gemeinde teilen.

Christuskirche 2004
Das Foto zeigt eine aktuelle Aufnahme unserer "neuen" Christuskirche


In den 70er Jahren kann man von einer Emanzipation der Laien in der Gemeinde sprechen. Durch theologische Arbeitskreise versuchte man sich auch für die Akademikerschaft zu öffnen. Für die innere Aufbruchstimmung und zunehmende Weite mag auch die musikalische Öffnung für Taizé stehen. Das letzte Jahrzehnt des ausklingenden 2o.ten Jahrhunderts hat in der gesamten Kirche zu notwendig gewordenen Strukturveränderungen geführt. Rückläufige Kirchensteuereinkommen haben die Kirchenbezirke vor die Aufgabe der Stellenkürzungen gestellt. Radolfzell ist mit hälftiger Kürzung der Diakonenstelle noch glimpflich davon gekommen.

Gegenwärtig befindet sich nach vielen Veränderungen der letzten Jahre die Gemeinde eher in einem Prozess der Konsolidierung. Man befindet sich in einer Auseinandersetzung mit den geistigen und spirituellen Strömungen der Gegenwart. Partnerschaftliche Kontakte zu Gemeinden im Ausland und die freundschaftlich zu nennenden Beziehungen zu den römisch-katholischen Pfarreien in Radolfzell, die im Jahr 2002 zur Gründung einer örtlichen ACK geführt haben, sind Impulse, die immer wieder die Gemeinde bereichern und herausfordern. Nicht nur die schon räumliche Nähe zur Hauptstelle der Diakonie im Kirchenbezirk Konstanz hält die Gemeinde in ihrer diakonischen Verantwortung. Man ist sich auch der zunehmenden Bedeutung der Seelsorge für das geistliche Wachstum in der Gemeinde bewußt. Zum Reichtum der Gemeinde gehört auch, daß viele Erholungssuchende - etwa in der Mettnau-Kur - auf ihre seelischen Bedürfnisse aufmerksam werden und darum ihre evangelische Kirche am Ort aufsuchen und sich - wie schon oft festgestellt werden durfte - trotz kurzer Verweildauer - sich hier engagiert einbringen.

Welche neuen Begegnungen und Herausforderungen für die Christusgemeinde erwachsen durch das in Radolfzell entstehende Weltkloster, einem weltweit einzigartigen Projekt, wird sich nun wohl recht bald zeigen. Im Weltkloster sollen Vertreter und Vertreterinnen verschiedener Religionen auf Zeit zusammen leben. Diese Kommunität soll sich an den Grundsätzen des Weltethos (Hans Küng) ausrichten. Das Weltkloster, das vor allem im ehemaligen Kappuzinerkoster untergebracht wird, soll zukünftig verbunden sein mit einem Hotel und einer Akademie, so daß es auch nach aussen wirken kann.

Im Oktober 2004 feiert die Kirchengemeinde ihren 100.ten Geburtstag als selbständige Kirchengemeinde mit vielen Veranstaltungen und unter zahlreicher Beteiligung der Gemeindeglieder und der Bevölkerung.

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