Interview mit Herr Vogler
Interview mit Rudolph E. Vogel, Januar 2005
Herr Vogel, Sie waren freundlicherweise bereit, die Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde von Radolfzell zu schreiben - in Fortführung und Aktualisierung der vor 20 Jahren erschienen, von Erwin Barth herausgegebenen Gemeindechronik. Wie ist es Ihnen bei Ihrer Arbeit ergangen?
Die Geschichte unserer Kirchengemeinde einmal bewußt Revue passieren zu lassen war etwas Besonderes. Durch die Überarbeitung der vergangenen Zeit und die Ergänzung um die neuere Zeit mußte ich mich damit besonders intensiv auseinandersetzen. Es kamen dabei viele schöne Erinnerungen an das Gemeindeleben, die Gemeindefeste und auch an meine Konfirmandenzeit wieder in das Gedächtnis. Es hat mich aber auch nachdenklich gemacht. Anders als bei meinen anderen historischen Arbeiten, bei denen ich eine zeitliche und persönliche Distanz habe, erlebte ich einen Teil dieser Geschichte selbst mit. Bei einigen Ereignissen war ich sozusagen mittendrin: z. B. während der Zeit des Kirchbaues haben wir oben im Kindergarten gewohnt. Vom Abriß bis hin zum Neubau und der Einweihung der heutigen Christuskirche habe ich alles hautnah miterlebt. Durch die Verknüpfung mit der persönlichen Biographie wurde mir das Vergehen der Zeit besonders bewußt.
Wenn Sie nun die letzten 100 Jahre beschrieben haben, was hat Ihnen dabei die meiste Freude bereitet?
Zum einen natürlich die Freude für das Jubiläum "meiner Gemeinde" einen kleinen Beitrag leisten zu dürfen. Zum anderen hat mich auch das starke Engagement der Gemeindeglieder in der Vergangenheit beeindruckt. Es war auch eine Freude zu lesen, wie durch den persönlichen Einsatz der Gemeindeglieder der Aufbau der Gemeinde, der Bau der beiden Kirchen und der Aufbau der gemeindliche Infrastruktur ins Werk gesetzt wurde. Ohne dieses Engagement wäre nicht so schnell in ihrem Aufbau vorangekommen.
Haben Sie etwas Neues entdeckt?
Von erstem Nachkriegspfarrer Schumacher an habe ich alle Pfarrer und Vikare der Gemeinde bewußt erlebt. Das Entdecken begann für mich in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Der Mut und das Durchhaltevermögen mit dem die Gemeinde die Zeit des Dritten Reiches und des Krieges durchgestanden hat wurde mir bewußt. Mein großer Respekt gilt Pfarrer Neuer und den Kirchenältesten, die den Anfeindungen und den Schikanen des NS-Regimes widerstanden. An die Solidarität und den Opfermut die die Gemeinde im Ersten Weltkrieg und in den schweren Jahren der Weimarer Republik zeigte, sollte heute wieder etwas ins Gedächtnis gerufen werden
Was ist Ihnen nun von dieser 100 jährigen Geschichte am meisten hängen geblieben?
Das bringe ich auf kurze Begriffe: Solidarität, Opferbereitschaft, Mut in Zeiten der Diktatur und protestantisches Selbstbewußtsein.
Ein Blick auf die Herkunft ermöglicht Zukunft, hat Professor Eisinger jetzt bei seinem Festvortrag gesagt. Was würden Sie aus unserer Geschichte heraus der Gemeinde empfehlen?
Viele tun sich schwer, die Geschichte als "Lehrerin" der Gegenwart und für die Zukunft zu betrachten. Die Lehren der Geschichte nicht sehen zu wollen ist ein ebenso großer Fehler, wie der Wunsch das Rad der Geschichte zurückdrehen zu wollen. Neues nur um des Neuen willen oder krampfhaftes Festhalten an überkommenen alten Dingen bringt weder die Kirche noch die Menschen voran. Wo Altes abgeschafft, abgelegt wird, muß Neues geschaffen werden, aber nicht gegen den Menschen, sondern mit den Menschen. Die Menschen sind heute nicht so areligiös wie es manche Zeitungsberichte glauben machen wollen. Sie suchen im Gegenteil einen festen Halt und Sicherheit in ihrer Religiosität. Dies finden viele in den beiden großen christlichen Kirchen nicht mehr. Der heutige Zug zu fundamentalistischen Strömungen, Esoterik usw. zeigt dies. Vielen evangelischen Christen fehlt es an einem "protestantischen Profil", sie wollen erfahren, warum sie evangelisch sind, und das nicht nur am Abend des 31. Oktober. Toleranz darf nicht zur Beliebigkeit werden. Die evangelischen Kirchen befinden sich oft in der Gefahr, sich in dieser Beliebigkeit im wahrsten Sinne des Wortes zu verlieren. Die Ökumene, die Gott sei Dank inzwischen eine Selbstverständlichkeit geworden ist, braucht als Impuls ein geschärftes protestantisches Profil um lebendig zu beleiben.
Aus der Geschichte heraus empfehle ich der Gemeinde ein klares protestantisches Profil zu zeigen, damit die Menschen einen gesicherten Halt in ihrer Kirche finden. Zum andern nicht zu vergessen, daß viele Gemeindeglieder in den Gottesdiensten auch das Vertraute, Gewohnte suchen. Neuerungen und "Experimente" müssen, wenn notwendig, behutsam eingeführt werden, sie dürfen nicht zum "Event" werden. Die Menschen sollen schließlich wegen der christlichen - evangelischen - Botschaft in die Kirche gehen und nicht eines Events wegen. Unsere Christusgemeinde hat hier im wesentlichen widerstanden. Sie muß nur in der Zukunft diesen Weg beibehalten und verstärken
Hat sich Kirche spürbar gewandelt? Wohin geht sie?
Natürlich hat sich die Kirche erheblich verändert. Die Abkehr von den "Amtskirchen" und die steigende Zahl derjenigen die sich nicht mehr einer Kirche zugehörig fühlen, hat die Position der Kirche deutlich verändert. Die Kirch ist nicht mehr die Hauptinstitution, die ethische und moralische Werte setzt. Sie muß sich die Aufgabe mit anderen teilen. Ihre Monopolstellung, die sie in diesen Fragen noch in der Zeit der Monarchie hatte hat sie endgültig verloren. Wohin die Kirche geht, das liegt ganz an ihr selbst. Wenn ihre Stimme auch in der Zukunft noch gehört werden will, muß sie vor allem eine Institution sein, die ernst genommen wird. Das wird ein hartes Stück Arbeit werden. Sie muß deshalb fest zu ihren christlichen Grundwerten stehen und darf nicht - wie oben angesprochen - in Beliebigkiet versinken. Auf die Probleme der Zeit muß die Kirche klare Antworten finden, auch wenn sie unbequem oder auch unpopulär sind. Wenn sie das schafft, dann wird ihre Stimme auch in der Zukunft gehört werden.
Herr Vogel, herzlichen Dank für das Interview!
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Herr Vogel, Sie waren freundlicherweise bereit, die Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde von Radolfzell zu schreiben - in Fortführung und Aktualisierung der vor 20 Jahren erschienen, von Erwin Barth herausgegebenen Gemeindechronik. Wie ist es Ihnen bei Ihrer Arbeit ergangen?
Die Geschichte unserer Kirchengemeinde einmal bewußt Revue passieren zu lassen war etwas Besonderes. Durch die Überarbeitung der vergangenen Zeit und die Ergänzung um die neuere Zeit mußte ich mich damit besonders intensiv auseinandersetzen. Es kamen dabei viele schöne Erinnerungen an das Gemeindeleben, die Gemeindefeste und auch an meine Konfirmandenzeit wieder in das Gedächtnis. Es hat mich aber auch nachdenklich gemacht. Anders als bei meinen anderen historischen Arbeiten, bei denen ich eine zeitliche und persönliche Distanz habe, erlebte ich einen Teil dieser Geschichte selbst mit. Bei einigen Ereignissen war ich sozusagen mittendrin: z. B. während der Zeit des Kirchbaues haben wir oben im Kindergarten gewohnt. Vom Abriß bis hin zum Neubau und der Einweihung der heutigen Christuskirche habe ich alles hautnah miterlebt. Durch die Verknüpfung mit der persönlichen Biographie wurde mir das Vergehen der Zeit besonders bewußt.
Wenn Sie nun die letzten 100 Jahre beschrieben haben, was hat Ihnen dabei die meiste Freude bereitet?
Zum einen natürlich die Freude für das Jubiläum "meiner Gemeinde" einen kleinen Beitrag leisten zu dürfen. Zum anderen hat mich auch das starke Engagement der Gemeindeglieder in der Vergangenheit beeindruckt. Es war auch eine Freude zu lesen, wie durch den persönlichen Einsatz der Gemeindeglieder der Aufbau der Gemeinde, der Bau der beiden Kirchen und der Aufbau der gemeindliche Infrastruktur ins Werk gesetzt wurde. Ohne dieses Engagement wäre nicht so schnell in ihrem Aufbau vorangekommen.
Haben Sie etwas Neues entdeckt?
Von erstem Nachkriegspfarrer Schumacher an habe ich alle Pfarrer und Vikare der Gemeinde bewußt erlebt. Das Entdecken begann für mich in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Der Mut und das Durchhaltevermögen mit dem die Gemeinde die Zeit des Dritten Reiches und des Krieges durchgestanden hat wurde mir bewußt. Mein großer Respekt gilt Pfarrer Neuer und den Kirchenältesten, die den Anfeindungen und den Schikanen des NS-Regimes widerstanden. An die Solidarität und den Opfermut die die Gemeinde im Ersten Weltkrieg und in den schweren Jahren der Weimarer Republik zeigte, sollte heute wieder etwas ins Gedächtnis gerufen werden
Was ist Ihnen nun von dieser 100 jährigen Geschichte am meisten hängen geblieben?
Das bringe ich auf kurze Begriffe: Solidarität, Opferbereitschaft, Mut in Zeiten der Diktatur und protestantisches Selbstbewußtsein.
Ein Blick auf die Herkunft ermöglicht Zukunft, hat Professor Eisinger jetzt bei seinem Festvortrag gesagt. Was würden Sie aus unserer Geschichte heraus der Gemeinde empfehlen?
Viele tun sich schwer, die Geschichte als "Lehrerin" der Gegenwart und für die Zukunft zu betrachten. Die Lehren der Geschichte nicht sehen zu wollen ist ein ebenso großer Fehler, wie der Wunsch das Rad der Geschichte zurückdrehen zu wollen. Neues nur um des Neuen willen oder krampfhaftes Festhalten an überkommenen alten Dingen bringt weder die Kirche noch die Menschen voran. Wo Altes abgeschafft, abgelegt wird, muß Neues geschaffen werden, aber nicht gegen den Menschen, sondern mit den Menschen. Die Menschen sind heute nicht so areligiös wie es manche Zeitungsberichte glauben machen wollen. Sie suchen im Gegenteil einen festen Halt und Sicherheit in ihrer Religiosität. Dies finden viele in den beiden großen christlichen Kirchen nicht mehr. Der heutige Zug zu fundamentalistischen Strömungen, Esoterik usw. zeigt dies. Vielen evangelischen Christen fehlt es an einem "protestantischen Profil", sie wollen erfahren, warum sie evangelisch sind, und das nicht nur am Abend des 31. Oktober. Toleranz darf nicht zur Beliebigkeit werden. Die evangelischen Kirchen befinden sich oft in der Gefahr, sich in dieser Beliebigkeit im wahrsten Sinne des Wortes zu verlieren. Die Ökumene, die Gott sei Dank inzwischen eine Selbstverständlichkeit geworden ist, braucht als Impuls ein geschärftes protestantisches Profil um lebendig zu beleiben.
Aus der Geschichte heraus empfehle ich der Gemeinde ein klares protestantisches Profil zu zeigen, damit die Menschen einen gesicherten Halt in ihrer Kirche finden. Zum andern nicht zu vergessen, daß viele Gemeindeglieder in den Gottesdiensten auch das Vertraute, Gewohnte suchen. Neuerungen und "Experimente" müssen, wenn notwendig, behutsam eingeführt werden, sie dürfen nicht zum "Event" werden. Die Menschen sollen schließlich wegen der christlichen - evangelischen - Botschaft in die Kirche gehen und nicht eines Events wegen. Unsere Christusgemeinde hat hier im wesentlichen widerstanden. Sie muß nur in der Zukunft diesen Weg beibehalten und verstärken
Hat sich Kirche spürbar gewandelt? Wohin geht sie?
Natürlich hat sich die Kirche erheblich verändert. Die Abkehr von den "Amtskirchen" und die steigende Zahl derjenigen die sich nicht mehr einer Kirche zugehörig fühlen, hat die Position der Kirche deutlich verändert. Die Kirch ist nicht mehr die Hauptinstitution, die ethische und moralische Werte setzt. Sie muß sich die Aufgabe mit anderen teilen. Ihre Monopolstellung, die sie in diesen Fragen noch in der Zeit der Monarchie hatte hat sie endgültig verloren. Wohin die Kirche geht, das liegt ganz an ihr selbst. Wenn ihre Stimme auch in der Zukunft noch gehört werden will, muß sie vor allem eine Institution sein, die ernst genommen wird. Das wird ein hartes Stück Arbeit werden. Sie muß deshalb fest zu ihren christlichen Grundwerten stehen und darf nicht - wie oben angesprochen - in Beliebigkiet versinken. Auf die Probleme der Zeit muß die Kirche klare Antworten finden, auch wenn sie unbequem oder auch unpopulär sind. Wenn sie das schafft, dann wird ihre Stimme auch in der Zukunft gehört werden.
Herr Vogel, herzlichen Dank für das Interview!
