Persönliche Berichte
Die fremde Frau
Wie die meisten Leute war auch ich irgendwann einmal familiengründend seßhaft geworden, tief im deutschen Süden in einer kleinen Stadt an einem großen See. Und genau hier hatte alles begonnen ausgelöst durch meine oft schier nicht zu bremsende Lust am Kennenlernen von neuen Menschen und ihren Schicksalen. Dieses Mal galt mein Interesse vor allem den an Jahren reich Gewordenen, die alle neuzeit-lateinisch nur die "Senioren" genannt werden. Also schloß ich mich kurzerhand einem Besuchskreis an, der es sich zur Aufgabe machte "Geburtstags-Kinder" von dem siebzigsten Lebensjahr an aufwärts aufzusuchen. Nach so manchen geglückten Besuchen bei rundweg jüngeren Alten wurde mir zum allerersten Mal eine wirklich hoch betagte Jubilarin anvertraut; den nüchternen Daten nach eine gewisse Lydia P. 90 Jahre alt. Ein Name, ein Geburtsdatum, eine Adresse auf einer Glückwunschkarte. Das war alles, was ich von ihr wußte. ...Hmmmm, was für ein Mensch wohl dahinter steckt? Ein uralter Mensch - was wird mich erwarten - bin ich dieser Aufgabe denn wirklich gewachsen? Bewegt von solcherlei Fragen machte ich mich an dem fälligen Geburtstag auf den Weg zu ihr, der neunzigjährigen Fremden. Zufälligerweise lag die angegebene Straße höchstens sieben Steinwürfe von meinem eigenen Zuhause entfernt.
Es war der zweite Tag im März, ein Spätnachmittag. Über unserem beschaulichen Vorstadtviertel lag eine ahnungsvolle Vorfrühlingsstimmung. Ich vermeinte förmlich ein Knistern der Erwartung zu hören, ein Erwachen zu riechen. Schneeglöckcheninseln blitzten mir aus Vorgärten entgegen, Krokusse lächelten in das zurück gekehrte Licht, ja, an einem zartgelb blühenden Strauch naschten schon des Winters überdrüssige Bienen. Auch der Himmel hatte sich nach einem voran gegangenen Graupelschauer dekorativ heraus geputzt. In feinen Aquamarinblau zeigte er sich, vor dem sich wuchtige Wolkengebilde türmten in allen Schattierungen, vom schwarzgrauen Drohgewölk bis zum silberdurchsonnten Weiß. Aahh," ich schnupperte, schaute hoch, genoß. "Ahh...ein richtiger Vorfrühlingsbodenseehimmel - ein Tag wie im Bilderbuch!" Doch rasch wichen meine heiteren Heimatgefühle der Ungewißheit des Unbekannten, dem ich entgegen eilte.
Vor einem gediegenen Mehrfamilienwohnhaus machte ich halt. Ah, - die Erdgeschoßwohnung - hier stand er, der gesuchte Name, allerdings mit einem männlichen Vornamen daneben.. Nach langem, sehr langem Zögern drückte ich auf den Klingelknopf; ein äußerst zaghaftes Drücken war es, denn - ich mußte es mir schamhaft eingestehen - jetzt, wo es ernst wurde, schreckte ich gehörig vor meiner eigenen Courage zurück. ,Nichts da, du Feigling, maßregelte ich mich, wütend über mich selbst, "du hast es so gewollt, deine Begeisterung für Menschen hat dich schließlich zu diesem Schritt verleitet."
"Ach, Sie kommmmennn, um meine Mutterr zu besuchen, bitte kommennn Sie doch herein!" Ein großer, kräftig gebauter Mann mit ergrautem Haar und breiten vertrauenerweckenden Gesichtszügen enthob mich zunächst aller Befürchtungen. Er begrüßte mich überaus freundlich mit einem stark fremdländischen Akzent. "....Hmm, scheint eine slawische Sprache zu sein," überlegte ich, während ich eintrat.
Dann sah ich - die fremde Frau. In einem Bett an der Wand lag sie in einem kleinen hell getünchten Zimmer. Ein sehr kleines, sehr eingefallenes Gesicht, umhüllt von einem weißen Kopftuch, das war das erste, was ich von ihr wahrnahm. "Nein...ein...ein Leben im Erlöschen begriffen,"" ging es mir beklommen durch den Sinn.
Ziemlich hilflos durch den unerwarteten Anblick von so viel Hinfälligkeit suchte ich krampfhaft nach den rechten Worten: "Sie Sie sind also heute neunzig geworden ich möchte ich wollte..... " "Oh, Sie müssen lauter reden, sie hörrt sehr schwerr, die Mamutschka," klärte mich der Sohn auf, "jaja, wissenn Sie, so liegt sie jetzt schonn zwei Jahrre, sehr schwer für sie, für uns."
Nach einer geraumen Weile ließ er uns allein in dem spärlich möblierten Raum; ein Bett, ein schmaler Schrank, ein Nachtschränkchen, ein Stuhl, das war die gesamte Einrichtung. "Ich werde mich zu Ihnen auf den Bettrand setzen, ist es Ihnen recht ?" Mit laut erhobenem Tonfall versuchte ich mich nun der Bettlägrigen verständlich zu machen. Ein kaum merkliches Nicken war die Antwort. Die fremde Frau schaute mich aus trüben Augen an. Ihre ausgemergelten, blau geäderten Hände lagen wie zwei aus dem Nest gefallene Vögel auf der gemusterten Bettdecke. "Aach...meine Augen...wollen nicht mehr, ich hörre schlecht...ich bin nurr noch eine Last." So fing sie an zu sprechen, ebenfalls mit diesem unverkennbar slawischen Akzent. "Ich hatte... ein schwäres Läben," fuhr sie fort, indem sie immer wieder absetzte, keuchend Atem holte, "habe viel müssenn arrbeiten in meinem Lebenn...habe zwei Söhnne...alleine groß gezogen in...Kasachstan...sind zwei gutte Söhnne." "Oh, ihr Geist ist ja noch völlig klar," dachte ich mit leiser Freude.
Und unwillkürlich schweiften meine Gedanken in jene Fernen, aus denen die Erzählende stammte, in irgendein entlegenes russisches Dorf, irgendwo in der unermeßlichen Weite Sibiriens. Zugleich kam es mir mit einer überraschenden Klarheit zum Bewußtsein: "Dort wölbt sich ja derselbe Himmel, zu dem ich vorhin noch aufschaute." Mit einem Mal war die verschwindend schmächtige Frau in dem hölzernen Bett nicht mehr "die Fremde" für mich. Das fahle, hohlwangige Gesicht unter dem weißen Kopftuch erweckte in mir ein ungeahntes Gefühl von Wärme, eine seltsame Vertrautheit. In diesem Moment wurde sie mir zur Mutter schlechthin; eine Mutter, die sich für ihre Kinder aufgeopfert hatte, so wie tausend und abertausend andere Mütter in allen dürftigen Winkeln dieser Welt - eine Mutter und eine Frau am Ende eines langen beschwerlichen Lebens.
Plötzlich drang von außen Lachen und Reden in den kleinen abgeschirmten Raum. Mit den Worten: "Hallo, guten Tag, wir kommen von der Stadt und überbringen Ihnen unsere Glückwünsche zum Neunzigsten," platzten zwei Männer herein in die Stille. Voll lärmender Freundlichkeit versuchten sie ihre Hilflosigkeit zu überspielen, die Ohnmacht angesichts des nur noch schwach flackernden Fünkleins Leben, das sie vorfanden. Ein Geschenkkorb wurde überreicht, dann verschwand der städtisch männliche Spuk, genau so laut wie er gekommen war.
Lydia P. hatte jetzt die Augen geschlossen. Sie atmete schwer, stoßweise. Nach Minuten, die mir endlos erschienen, ließ sich wiederum ihre brüchige Stimme vernehmen: "Die hätten...können... weg bleiben...die Männer...die haben sich friherr auch nicht um mich gekümmert." Wieder war es minutenlang still; nur das Ticken des Weckers auf dem Nachtschrank und der unregelmäßige Atem der unruhig Schlummernden waren zu hören. Ich begann die welken Hände auf der Decke zu streicheln, erst die eine, dann die andere - "Mutterhände," dachte ich. Auf einmal öffneten sich die Augen der so gar nicht mehr fremden Frau. Sie richtete ihren Blick auf mich, wortlos und ich fragte laut, spontan in die schier erloschenen Augen hinein: "Wollen wir, wollen wir zusammen beten ?"
Kaum hatte ich meine Worte ausgesprochen, erschrak ich auch schon über meine eigene Frage. Noch nie hatte ich mit einem fremden Menschen zusammen gebetet. "Ja", flüsterte es da aus dem zahnlosen Mund, "ja, bitte!" Und der winzige Hauch eines Lächelns huschte über das wächserne Gesicht der Frau, die aus der Fremde kam. Mühsam faltete sie ihre gekrümmten Finger. Von einer inneren Regung getrieben umfasste ich die gefalteten Hände, sehr behutsam. So beteten wir gemeinsam, nicht irgendein Gebet, nein, das Gebet, das die Welt umspannt - das "Vaterunser". Langsam, stockend formte die alte Frau die Worte. "und... die...Herrlichkeit...in...Ewigkeit in Ewigkeit..." wiederholte sie noch einmal wie zur Bekräftigung. Niemals hatte ich das "Vater Unser" mit mehr Inbrunst gesprochen als in diesen Minuten. Und ein Mantel der Zuneigung umhüllte uns beide - mich, die Besucherin und das uralte Menschenkind aus dem fernen Sibirien. Dieses hatte nun vorsichtig tastend meine Hand ergriffen und ließ sie nicht mehr los.
Wieder war es still im Zimmer, bedrückend still. Doch irgendwann, nach einer Zeitspanne, die mir wiederum unendlich lange dünkte, flüsterte es kaum hörbar aus dem bedruckten Kissen: "Auch ich warr einmal jung und sehrr fröhlich habe Walzerr getanzt sehrr fröhlich". Es waren die letzten Worte von Lydia P. Sie war eingeschlafen. Sachte löste ich meine Hand aus den Fingern der Schlafenden....
Draußen empfing mich in schmerzlichem Kontrast das Leben. Der Regionalexpresszug schoss vorüber. Ratterte er nicht aufreizender, lärmender als sonst? Sonnenstrahlen flirrten auf mein Gesicht, ja, als ob nichts geschehen wäre lachte das ganze Stücklein süddeutschen Himmels über mir einfach auf mich herunter. "Und doch ist mir gerade eben, in einer knappen Stunde, eine fremde Frau, zum Sinnbild einer Mutter geworden, eine Frau, die aus der Fremde kam". Gedankenverloren blinzelte ich empor in die Wolkenfantasien, die da oben vor der bläulichen Tiefe hingen. Da - tanzten nicht auf einer der silbern umsonnten Wolken kleine Engel Walzer, zusammen mit einem lebenssprühendenjungen Mädchen aus Sibirien namens Lydia ? Dies kleine tröstliche Bild vor Augen ging ich weiter, den Kopf gesenkt, mitten in den erwachenden Frühling hinein.
Nur ein kleiner Engel? - von wegen!
Unorthodoxe Erinnerungen und Betrachtungen einer besuchsdienstlerischen Aktiven
Er ist zwar klein, eigentlich eher ein Engelchen, ganze vierzehneinhalb Zentimeter groß und zudem eindeutig weiblich. Aber - bei aller Winzigkeit - er hat eine Geschichte, mein kleiner Engel - er erzählt von einem Anfang, einem jähen Ende und er birgt ein Schatzkästlein voller Erinnerungen.
Solide getöpfert und gebrannt steht er hinter der Vorzeige-Glasscheibe meines Wohnzimmerschranks. Richtig fröhlich und bunt ist er anzusehen. Eine knallig orangefarbene Bubikopffiisur leuchtet über einem rosaroten Gesicht - die Augen hält er andächtig geschlossen, dafür hat er den Mund weit. weit aufgesperrt - er singt nämlich, ständig und selig, auf engelhaft-wundersame Weise lautlos, aber mit der ganzen Inbrunst seines hochtemperaturgebrannten Herzens. Die Hände sind zur Rundung geöffnet, gerade so weit, daß eine winzige Kerze hinein paßt. Festlich und sehr feminin umhüllt ihn ein langes, blaues Kleid, chic auf Taille gearbeitet. Nach rein oberflächlichen Gesichtspunkten beurteilt, erweckt er den Eindruck eines höchst irdischen ,Blauen Engels', wenn, jaa, wenn da nicht diese kurzen, jedoch unübersehbaren orange bemalten Flügel wären.
Durch seine ganze äußere Erscheinung ist er natürlich zum Weihnachtsengel wie berufen. So hat er denn auch am letzten Weihnachtsfest in dieser Funktion völlig ,den Kopf verloren'; nicht aus Hektik und Weihnachtsstreß etwa - diese menschlichen Unzulänglichkeiten sind ihm völlig fremd - Oh, nein - eine allzu liebevolle Attacke von Enkelin Luzia, eineinhalb Jahre, hatte ihn zu Fall gebracht. Am zweiten Weihnachtstag saß der Kopf, dank Ton-Spezialkleber, genau wieder da wo er hin gehörte. Und wieder schmetterte mein Engelchen seine symbolischen "Am laufenden Band-Hosiannas" als ob nichts geschehen wäre.
Warum er einen Ehrenplatz in meinem Raritätensammlung innehat? Nun, ich brachte ihn einst - es sind jetzt etliche Jahre her - von meiner allerersten Besuchsdienst-Aktion nach Hause. Und das ist das Schöne an seinem Dasein, daß er mich immer mal wieder an diese Episode erinnert, vor allem, wenn ich ihn beim Oster- und Weihnachtsputz gründlich auf Hochglanz poliere.
Damals, ja, damals klingelte ich voller neugieriger Erwartung, die gemischt war mit einer gehörigen Portion Lampenfieber bei dem ersten geburtstäglichen Altersjubilaren meines Lebens. Wie würde ich aufgenommen werden, als ,die Dame von der Kirche' ?
"Guten Tag, ach kommen Sie doch herein, da wird sich mein Mann aber freuen." Mit diesen einladenden Worten wurde ich von der Frau des Hauses willkommen geheißen. Mein Geburtstags"kind" - komisch, daß Geburtstagsfeiernde immer ,Kinder' bleiben - mein achtzigjähriges Geburtstagskind also entpuppte sich als ein kräftig gebauter Senior, dem die Lebenslust aus den Augen strahlte; ein liebenswerter Mensch mit Freude an schönen Dingen und einem gut mundenden Tröpfle. Ein edler Likör wurde denn auch mir, der Abordnung von der Kirche, prösterlich kredenzt - mir, der offiziell keineswegs würde-vollen, aber immerhin Vertreterin kirchlicher Amts- und Würden-träger.
Lebhaft erzählte er mir nun von Amerika, von seinem Sohn, der dort lebte und dann - mit einem freudigen Tonfall in seiner Stimme - von seinen Hobbys Töpfern und Holzintarsienarbeiten. "Ach, dann sind diese wunderschönen Märchenmotive an den Wänden, diese Vasen und Schalen selbst gewerkelt ?" "Aber ja, " antwortete er auf meine interessierte Frage, "wolle Sie einmal meine Krustelwerkstatt sehen ?" "Nein, was ist dieser Mann geschickt," verwunderte ich mich beim Besichtigen, beeindruckt von kunstfertigen Truhen, die mich ungemein an kleine und große Schatztruhen erinnerten - Bilder voller Märchen- und Sagengestalten und einer ganzen Armee kleiner Ton-Engel, einer lustiger und unsoldatischer anzusehen als der andere.
"Na, suchen Sie sich doch einen aus", forderte mich der Schöpfer all dieser Kostbarkeiten lächelnd auf, nachdem er meine Begeisterung bemerkt hatte. Von diesem Tage an war ich die stolze Besitzerin meines kleinen, so gar nicht maskulinen Engels im königsblauen, eng taillierten Gewande.
Doch Licht und Schatten, Werden und Vergehen liegen bekanntlich eng nebeneinander im irdischen Spiel des Lebens. Ein halbes Jahr nach meinem Besuch erfuhr ich es - voller Bestürzung und von der Vergänglichkeit förmlich überrollt: meinen ersten Jubilaren würde ich nie mehr aufsuchen können; er war von dieser Welt in eine andere abberufen worden.
Schon vielen alten Menschen habe ich seither anläßlich ihres Ehrentages meine Reverenz erwiesen - etlichen auch nicht ehren täglich und ganz privat. Inzwischen kenne ich meine ,Pappenheimer', ,meine' Alten, die zum Teil erstaunlich jung geblieben sind in ihren Herzen, Sinn und Verstand. Da ist - eines der Paradebeispiele - mein hoher Siebziger, der, ein Ass in Stadt- und anderer Geschichte mir jährlich entweder den "Westfälischen Frieden", den "Dreißigjährigen Krieg" oder sämtliche nach Honoratioren benannten Straßennamen unseres Städtchens erläutert. Auch eine mir lieb gewordene Sechsundachtzigjährige hält munter mit in diesem Reigen. Zäh und zierlich läßt sie sich - passiv versteht sich - keine Rock'n Roll Aufführung, meist auf der Mattscheibe, entgehen. Außerdem knackt sie jedes Kreuzwort- und andere Rätsel mit Bravour. Ach, nicht zu vergessen, eine mir ebenfalls ans Herz gewachsene dreiundachtzigjährige, stark gehbehinderte Literaturfreundin - so manche schlaflose Nacht überbrückt sie mit ihren treuen buchgedruckten Freunden - genießt gereimte und ungereimte Klassiker oder vergißt gar ihre Wehwechen bei einem nächtlichen Schmunzeltreff mit einem Erich Kästner.
Aber - angefangen hat meine Besuchsdienst-Aera letztendlich mit jenem kunstgewerblich talentierten Hobbykünstler, der noch sooo viele kreative Träume verwirklichen wollte. Was mir bleibt - immer bleiben wird? Nun, die Erinnerung - an mein erste und gleich derart gastliche Aufnahme - an einen begabten Menschen, der ein ganz kleines Stück weit meine Zukunft prägte mit seiner gelebten, schaffensfreudigen Liebe zum Schönen und natürlich mein kleiner Engel, der, unverwüstlich und wundersam, wie Engel im allgemeinen zu sein pflegen, bestimmt auch die nächste Enkel-Liebkosung am kommenden Christfest überleben wird.
Rosemarie Lindner