Wirtschaftsethik
Donnerstag, 12. April 2012, 19 Uhr
Gesprächskreis Glauben und Wissen
Gedanken zur Einführung in das Thema
Wirtschaftsethik
Gravierende Fehlentwicklungen, die vor allem in den letzten Jahren zu chaotischen Verhältnissen der Überschuldung, zu maßloser Verteilungs-ungerechtigkeit des Volksvermögens, begleitet von sozialen Verwerfungen führte, haben eine massive Vertrauenskrise in die Dogmen des marktwirtschaftlich/kapitalistischen Wirtschaftssystem bewirkt. Sie belasten uns und künftige Generationen weltweit.
Fehlentwicklungen sind kein vom Himmel gefallenes Schicksal, sondern Folge von menschlichem Handeln: Politische Entscheidungen der Regierungen aber auch Verhaltensweisen jedes Einzelnen in der Gesellschaft, ob als Unternehmer, Investor, Kreditgeber, Finanzanleger, Manager, Jäger nach Spitzenplätzen in der Reichtums-und Machtskala, Produzent und Anbieter von Gütern und Dienstleistungen und schließlich Konsument, sofern er nicht zum Prekariat gehört. ( Empörte Auflehnung in der Öffentlichkeit für Veränderungen zu mehr Gerechtigkeit bliebe allerdings in unserem freiheitlichen Rechtsstaat auch der „Upper class“ unbenommen und könnte ihr Einfluss verschaffen).
Gegensteuerung durch weltweite, ethische Regelsysteme könnten die Probleme lösen, wenn sich alle daran hielten. Dies erscheint als Utopie. Dennoch gibt es viele ernst zu nehmende Initiativen, z.B. die Resolution der Generalversammlung des Reformierten Weltbundes in Accra, Ghana, vom 30. Juli – 13. August 2004, und das Manifest „Globales Wirtschaftsethos“, das am 6. Oktober 2009 im UN_Hauptquartier in New York vorgestellt wurde und unter Federführung der Stiftung Weltethos verfasst wor-den war. Zahlreiche internationale Persönlichkeiten haben es unterzeichnet. An der Universität Tübingen wird am 18. April 2012 das neu gegründete Weltethos-Institut mit Prof. Dr. Claus Dierksmeier seine Arbeit aufnehmen und Studiengänge insbe-sondere für globale Wirtschaftsethik anbieten. In den letzten Jahren ist eine Fülle von Buchveröffentlichungen mit Lösungstheorien, anklagende Presseartikel sowie viele Medienberichte und besorgte Diskussionen zu diesem brennenden Thema festzu-stellen. Es ist seit langem auch Agitationsgebiet von Nichtregierungsorganisa-tionen z.B. der ATTAC.
Ich habe mich während meines ganzen Berufslebens als Geschäftsführer in einem mittelständischen Industrieunternehmen um Einführung und Praxis einer ethisch fundierte Unternehmenskultur bemüht und mich in meinen Handlungen und Entscheidungen daran orientiert, und dies auch von den Mitarbeitern erwar-tet. Ein Eigentumswechsel des Unternehmens in den 90-er Jahren setzte dieser in vielen Jahren gewachsenen und gelebten Unternehmenskultur leider ein Ende durch das alles beherrschende, neue Dogma des „Shareholder Value“, dem auch meine Position in meinem 58. Lebensjahr jäh zum Opfer fiel.
10.3.2012 Heinz-Jochen Baeuerle